Laudator: padeluun

Der BigBrotherAward 2009 in der Kategorie

„Trends“

geht an

… so viele, dass ich sie nicht „Preisträger“,
sondern lieber „Beispiele“ nennen möchte.

10 Jahre BigBrotherAwards. Ist das nicht in sich schon ein Trend? Das Wort „Trend“ hat einen Wortstamm im Mittelhochdeutschen und bedeutet „kreiseln“, „nach unten rollen“. Wir wollen aber nicht nach unten, wir wollen etwas bewirken.

Doch der Trend scheint zu wachsen: Trotz vieler Erfolge, die wir gemeinsam errungen haben, und trotz der großen Datenschutzskandale wird das Sperrfeuer der Datenkraken nicht weniger. Nein, es scheint sogar, dass die Datenkraken nun nach dem bekannten Motto handeln: „Ist der Ruf erst ruiniert, krakt es sich ganz ungeniert!“ Da müssen und wollen wir gegenhalten.

Der Kampf ist nicht aussichtslos.
Chor: Ja, es gibt Hoffnung.

Was erleben wir denn eigentlich jeden Tag?

Zum Beispiel Situationen wie diese: Ich soll einwilligen, dass mein Personalausweis für die Akten fotokopiert wird, damit mir das Autohaus meiner Wahl einen neuen Ersatzschlüssel verkauft. Überhaupt wollen immer mehr Leute meinen Personalausweis sehen … und gar kopieren.

Ich finde das einfach … ungehörig. In meinem Benimmbuch steht noch drin, dass ich meine Nase nicht in fremder Leute Angelegenheit stecken soll. Genauso wenig soll ich anderen Menschen mein Privatleben aufdrängen. Wie unmodern, höre ich da. Ist Indiskretion heute Ehrensache? Gilt Benimm in der digital vernetzten Welt nicht mehr? Ist Höflichkeit abgeschafft ? Ist Schweigen nicht mehr Gold? Ist das nicht widerlich?

Ich habe mit der Zentralverwaltung meines Autohändlers einen Briefwechsel begonnen. Wir einigten uns auf folgendes Prozedere: Der von mir gekaufte Schlüssel wird mir ausgehändigt, nachdem ich meinen Personalausweis einmal in Richtung Mekka gehalten und dann schnell wieder eingesteckt habe.

Der Kampf ist nicht aussichtslos.
Chor: Ja, es gibt Hoffnung.

Ein anderes Beispiel: Vereine. Da wird oft lax mit Mitgliederdaten umgegangen. Sportvereinen veröffentlichen ihre Leistungstabellen Im Internet. Was früher eine Ehrung war und in der, fast möchte man sagen „Privatheit“ des Lokalteils der Dorfzeitung blieb, ist heute weltweit abrufbar.

Wer denkt da schon dran?

Überhaupt wird zu wenig gedacht.

Der Deutsche Fußballbund ist auch so ein Fall: Er speichert die Daten seiner 6,7 Millionen Mitglieder aus 26.000 Vereinen. Jeder der schätzungsweise über 100.000 oft ehrenamtlichen „Datenpfleger“ hat Zugriff auf die Daten aller 6,7 Millionen Mitglieder und somit auf die privaten Handynummern von, sagen wir mal, Miroslav Klose.

Der DFB bekam übrigens 2005 einen BigBrotherAward, unter anderem weil er die Erteilung einer Eintrittskarte zur Fußball-WM mit dem Einverständnis koppelte, dass man seine Daten zur Weitergabe freigab. Das wird gerne so gemacht: Die Arbeiterwohlfahrt koppelt ebenfalls ungeniert, sonst können „Einschränkungen in der Versorgung bzw. finanzielle Nachteile entstehen“. Beim Datenschutz bedeutet Koppelungsverbot, dass die Erbringung von Leistungen nicht von der Einwilligung in die Verarbeitung oder Nutzung von Daten abhängig gemacht werden darf. Doch auch die Bahn koppelt die Ausgabe der BahnCard an die Preisgabe von Geburtsdatum und Foto - beides illegal. Viele Geschäftsmodelle werden so aufgebaut, dass wesentlich mehr Daten verlangt werden, als für die Erbringung der Leistung notwendig sind, vor allem zum Weiterverkaufen und zur Profilerstellung. Wir können uns gar nicht soviel wehren, wie wir müssten.

Der Kampf ist nicht aussichtslos.
Chor: Ja, es gibt Hoffnung.

Haben Sie ein Navi im Auto? Speichert das Ihr Fahrverhalten und Ihre Routen? BMW entwickelt ein mit „exkorporaler Intelligenz“ ausgestattetes Gerät: Das weiß schon, bevor Sie einsteigen, wohin Sie fahren wollen. Doch dafür muss es die Daten – genau – erst einmal speichern. Wo kommen wir da denn hin?

Flottenmanagement, auch sehr gruselig: Der Hamburger Navishop bewirbt ein Produkt mit ungehörigen Worten: TomTom Link sei eine kleine unauffällige Blackbox mit GPS-Empfänger und GSM/GPRS-Modul nebst SIM-Karte, die in Fahrzeuge versteckt eingebaut wird. Dies ermöglicht die automatische Übertragung der aktuellen Fahrzeugpositionen, Kilometerstände und anderer Informationen an die Zentrale. Nun mag die Positionsbestimmung zum Flottenmanagement von LKWs ungleich sinnvoller sein als in Mähdreschern, aber wer mit „versteckt eingebaut“ wirbt, outet seine perfide Lust am heimlichen Überwachen.

Politisch droht in diesem Bereich ebenfalls Ungemach, eines namens Section Control. Die derzeit schon regelmäßig erfassten Autokennzeichen werden einige Kilometer weiter nochmals erfasst und die Zeiten verglichen. Waren Sie schneller am zweiten Ort, als „die Polizei erlaubt“, gibt’s einen Strafzettel. Der „Große Bruder“ als Kämpfer gegen Raser?

Der Kampf ist nicht aussichtslos.
Chor: Ja, es gibt Hoffnung.

A propos „Großer Bruder“. Sie erinnern sich an den Televisor, den großen Monitor, auf dem man bei Orwell nicht nur den Großen Bruder sehen konnte, sondern der Große Bruder vor allem jeden Bürger in jedem privaten und öffentlichen Raum. Diese Vision scheint wahr zu werden: Die Firma Apple besitzt ein Patent, wo der gesamte Bildschirm auf voller Fläche zur Kamera wird, ob Computer, Navi oder Smartphone. Wer weiß da, wann wer zuschaut? Und wer dann auf die Bilddaten zugreift? Horror!

Beim iPhone sind wir heute schon außerstande, die Kontrolle über den Datenversand zu bewahren. Die witzigen und praktischen Applets nutzen oft zugekaufte Unterroutinen, die Daten sammeln und an „Third Party Tracker“ weitergeben. So eine Unterroutine der Firma Pinch Media z.B. sammelt die Hardware ID, Modell- und Betriebssystemversion, ob das iPhone gecrackt oder „gejailbreaked“ ist, wann und wie lange man ein bestimmtes Programm nutzt, unter Umständen auch die Positionsdaten und die Geburtsdaten, die man bei Facebook eingegeben hat. Nochmals Horror! Mein Telefon, mein Feind?

Das Wort „Trend“ hat einen Wortstamm im Mittelhochdeutschen und bedeutet „kreiseln“, „nach unten rollen“. Nix unten. Wir wollen aber nicht nach unten.

Die Welt ist fast übergangslos innerhalb einer einzigen Generation aus der Vor-Computer-Ära in ein digitales Zeitalter geworfen, um nicht zu sagen katapultiert worden. Das eröffnet Möglichkeiten, die man sich bisher nicht einmal erträumen konnte. Das stellt unsere Gesellschaft aber auch vor eine Reihe unvorhergesehener Herausforderungen. Die Umwälzungen jedes Aspektes unseres gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens durch die digitale Revolution sind tiefgreifender, als die meisten Menschen sich bewusst machen. Ein Zurück gibt es nicht. Wohl aber die Freiheit, diese neue, digital vernetzte Welt lebenswert zu gestalten.

In den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es für die digitale, sich zunehmend vernetzende Welt kaum Regeln. Alles war erlaubt, was technisch funktionierte. Über Datenschutz und Privatsphäre, über Langzeitwirkungen und nachhaltiges Datenmanagement machte man sich keine Gedanken. Erst in jüngster Zeit, durch öffentlich gewordene Datenskandale, bekommen wir die Spitze des Daten-Eisberges zu spüren, der sich fast unbemerkt, dafür umso rasanter unter uns gebildet hat. Dabei sind Begriffe wie Cloud Computing, Data Mining und Server-Farmen noch kaum bekannt, obwohl sich dahinter Technologien und Ideen verbergen, die jeden von uns zum Überdenken seiner alltäglichen Handlungen bewegen sollten. Wir stehen am Beginn einer Epoche, in der die Gefahr besteht, dass alle Menschen unwiderruflich zu Datensätzen degradiert werden.

Unsere Gesellschaft muss umdenken: Wir brauchen "Benimmregeln" für den Umgang mit Daten, respektive Informationen über uns. Wir brauchen Gesetze, die mit dem Stand der Technik Schritt halten. Und wir brauchen die Mittel und Gesetze, Datenvergehen angemessen ahnden und bestrafen zu können. Nicht jede datentechnische Automatisierung, die geht, muss auch gemacht werden. Als Nebeneffekt würde dies sogar Arbeitsplätze erhalten bzw. neue schaffen.

Datenvergehen sind keine Kavaliersdelikte, obwohl dies gerne so dargestellt wird. Solange wir als Betroffene unseren eigenen Daten nicht mehr Bedeutung beimessen, wird sich daran nichts ändern. Solange wir nicht mehr Verständnis für die technischen und die damit einhergehenden sozialen Prozesse aufbringen, haben andere ein leichtes Spiel, mit unseren Daten Schindluder und Manipulation zu treiben.

Und doch, es gibt Hoffnung. Sie sind hier. Wir sind hier. Der Zug ist nicht abgefahren. Und ja, wir haben etwas zu verbergen und zu schützen, nämlich unsere Privatsphäre, den "Zaun um unseren inneren Garten".

 

Bild: jazzlog CC BY NC ND 2.0

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