Laudatorin: Rena Tangens

Der BigBrotherAward der Kategorie "Business und Finanzen" geht an die

Informa Unternehmensberatung GmbH

in Pforzheim für ihr Scoringverfahren.

Von dieser Firma haben Sie noch nie etwas gehört? Aber diese Firma weiß eine ganze Menge über Sie. Und weil sie so viel weiß, kann sie auch vorhersagen, ob Sie einen Handyvertrag bekommen sollten, ob Sie Ihr Auto in Raten abzahlen dürfen und ob Sie für eine Hausrat- oder eine Kfz-Haftpflichtversicherung ein guter Kunde wären.

Scoring ist ein ursprünglich für den Versandhandel entwickeltes Ausleseverfahren, bei der für jede Anschrift in Deutschland ein Score zwischen 350 (sehr unattraktiver Kunde) und 750 (sehr attraktiver Kunde) ermittelt wird.

Der Score errechnet sich u.a. aus den Kreditinformationen der Schufa, der Adresse (Bundesland, Wohnviertel, Nachbarn), dem Alter (tendenziell ist älter besser; 18 ist schlecht, der beste Score ergibt sich bei einem Alter von 50 Jahren), den Gebäudeeinschätzung und vielem anderen, was aber im Einzelnen nicht offengelegt wird - denn sonst könnten sich Kunden ja darauf einstellen und damit den Wert des Scoringverfahrens in Frage stellen.

Auch bei der Schufa wird übrigens für jeden Menschen ein Score errechnet -- der sich übrigens verschlechtert, wenn jemand eine Eigenauskunft über die über sie oder ihn gespeicherten Daten anfordert. Denn die Verbraucherin hat offensichtlich etwas vor, also könnte auch etwas passieren...

Versicherungen, Handyanbieter, Leasinggesellschaften, diverse Webshops und viele andere nutzen bereits die Dienste der Informa, um schnell entscheiden zu können, wen sie als Kunden wollen und wen nicht bzw. unter welchen Bedingungen. So werden bei etlichen Webshops unterschiedliche Bezahlungsmodalitäten angeboten, je nachdem welche Adresse bei der Bestellung angegeben wird: Hamburg St. Georg nur per Nachnahme, ins feine Blankenese selbstverständlich auch auf Rechnung.

Gründe

Die Informa benötigt lediglich Name, Anschrift und Alter, um den Score zu ermitteln. Informa-Geschäftsführer Paul Triggs: Wir können für jeden Bürger einen Score ermitteln. Selbst wenn es über die Einzelperson einmal keine Daten gibt, hiflt uns hier die Beurteilung des Nachbarn rechts oder links."

Die Informa schöpft für ihre Berechnungen aus einen umfangreichen Datenpool: soziodemographische Daten, Regional- und Statistikdaten, Markt- und Konsumdaten, Gebäudedaten der Schober Einzelhausbewertung, Daten der adressvermietenden Unternehmen (bekanntes Beispiel: Versandhäuser) über ihre Kunden und deren Kaufverhalten, Daten von externen Informationsanbietern, die als Auskunftei- oder als Marketingdaten angeboten werden sowie sogenannte Lifestyle-Daten.

Wo all diese Daten herkommen wird klar, wenn wir sehen, dass neben der Fair Isaac Int. Corporation und der Strüber Beteiligungsgesellschaft auch die Klaus Schober Holding zu den Gesellschaftern der Informa Unternehmensberatung GmbH gehört. Der Schober Komplex gehört zu den führenden Unternehmen im Bereich des Direktmarketings.

Eigenwerbung von Schober Direct Media: "Die MarketBase-Datenbank vereint das Schober Consumer Masterfile, die Lifestyle-Datenbank, die Schober Einzelhausbewertung, und die Versandhandels-Strukturdaten der Schober Direct Media. Der neue Zielgruppen- und Datenkatalog zeigt systematisch Möglichkeiten auf, um bestehende Kunden noch genauer segmentieren sowie profitable neue Kunden gewinnen zu können. Das Schober Consumer Masterfile bietet Zugriff auf 50 Millionen Privatadressen mit 2,2 Milliarden Zusatzdaten mit vielfältigen Selektionsmöglichkeiten. 3,2 Millionen Lifestyle-Adressen von Konsumenten mit konkreten Kaufabsichten sowie Angaben zu Besitz und Bedarfssituation ermöglichen den Zugriff auf rund 5.000 passgenaue Zielgruppen mit ganz spezifischen Profilen."

Es existieren Kooperationen mit Quelle, Neckermann und der InfoScore Consumer Data GmbH.

Die sogenannten Lifestyle-Daten kommen von der Lifestyle Consumer GmbH. Diese versendet im großen Stil seitenlange Fragebögen mit Konsumentenbefragungen (im Internet unter www.freegoods.de)[1]. Nach eigenen Angaben sind sie auf die Erhebung von personenbezogenen Verbraucherdaten spezialisiert. Diese stellen sie nach Bedarf Herstellern, dem Handel und Marktforschungsunternehmen "ausschließlich Marketing- und Werbezwecke" zur Verfügung. Es steht zu befürchten, dass auch diese Eigenauskünfte für die Berechnung des Scorewertes herangezogen werden.

Was wir an alledem bedenklich finden:

  • Der Scorewert wird von den Firmen, die ihn erstellen, als rein mathematisch/statistischer Wert bezeichnet, der zwar eine Vorhersage von Wahrscheinlichkeiten sei, nicht aber die Bewertung einer Person. In der Praxis aber ist der Scorewert genau das, er bewertet die Bonität eines Menschen.
  • Ein Score bringt eine Vielzahl an Informationen in ein einfach zu handhabendes Format: eine einzelne Zahl. Anhand dieser Zahl kann in Sekundenbruchteilen entschieden werden, ob ich eine wünschenswerte Kundin bin oder nicht. De jure darf nicht ausschließlich auf Grund des Scorewertes entschieden werden. (Das Bundesdatenschutzgesetz nennt so etwas eine "automatisierte Einzelentscheidung"). De facto ist es schlicht nicht nachzuweisen, wenn es passiert.
  • Die Verbraucher wissen in der Regel nichts von diesem Treiben. Ein im Kleingedruckten der AGBs der entsprechenden Firmen versteckter Hinweis, dass sie Daten mit der Informa Unternehmensberatung GmbH austauschen, reicht dafür nicht aus.
  • Die Verbindung von Direktmarketing, Consumer- und Lifestyledaten mit dem Risikomanagement. Wem einmal aufgrund eines schlechten Scorwertes eine Versicherung gekündigt wurde, hat nach Erfahrungen von Verbraucherverbänden Probleme, wieder einen Vertrag von einer Versicherung zu bekommen.
  • Wie sollen Verbraucherinnen gegen einen Score protestieren bzw. ihn richtigstellen, wenn sie gar nicht wissen, welche Daten in dieser Zahl zusammengefaßt werden?

So bleibt uns zu hoffen, dass die Informa Unternehmensberatung durch ihre Nominierung ein wenig prominenter auch in Verbraucherkreisen wird.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Informa Unternehmensberatung GmbH - Ihr Score reichte für den Big Brother Award.

[1] Der Link ist nicht mehr verfügbar.

 

Bild: Simon Cunningham CC BY 2.0

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