Laudatorin: Karin Schuler, DVD

Der BigBrotherAward in der Kategorie "Kommunikation" geht an die Firma

Armex GmbH

aus Gladbeck für Ihr Produkt "Track Your Kid" - stellvertretend auch für andere Anbieter, die Überwachungsdienste für Eltern anbieten.

Vorschlag: Niemand käme auf die Idee, sein Kind an die Leine zu nehmen. Ein elektronisches Gängelband allerdings scheint keine Hemmschwelle zu sein, sonst könnten Firmen wie die Armex GmbH kein Geld mit den Ängsten von Eltern machen.

Track Your Kid wird über eine Standortbestimmung des jeweiligen Netzbetreibers möglich. Durch Abstandmessungen zu umgebenden Sendemasten kann die aktuelle Position eines Handys je nach Sendemastdichte im städtischen Bereich bis auf weit unter 100 Meter genau ermittelt werden.

Armex als Anbieter eines so genannten "Mehrwertdienstes" nutzt dies, damit Eltern ihre mit Handy ausgestatteten Kinder, bzw. deren Handys, jederzeit orten können. Dabei fungiert Armex quasi als Detektivbüro: Die Eltern senden der Firma eine Anfrage-SMS und erhalten die Position des Handys ebenfalls per SMS gemeldet. Dazu muss der Mobilfunkanbieter beauftragt sein, die Standortdaten an Armex weiterzuvermitteln.

Glaubt man den begeisterten Anpreisungen von "Track Your Kid" und ähnlichen Produkten in den Medien und in Elternforen im Internet, so trifft dieses Angebot anscheinend genau die Wünsche vieler Eltern.

Schaut man jedoch genauer hin, so sind Zweifel angebracht.

1. Die Sinnfrage

Was hilft es eigentlich, wenn ich mitbekomme, wie mein Kind gerade in "unerwünschte" Stadtteile ausbüxt? Würde ich im schlimmsten Falle einer Entführung tatsächlich eingreifen können? Wäre nicht zu erwarten, dass ein derart gewaltbereiter Täter das Handy meines Kindes als erstes im wahrsten Sinne des Wortes "in die Tonne kloppen" würde - oder dass mein Kind dies tut, wenn es vorhätte, auszureißen?

Was erhoffen sich Eltern konkret von der Nachricht, dass ihr "aufgestöberter Rumtreiber", wie die Bild-Zeitung es nannte, sich zu weit vom üblichen Weg entfernt hat? Strafpredigten? Polizeieinsätze? Verlässt Mama dann jedes Mal ihren Arbeitsplatz um die Standpauke gleich am Ort des Geschehens zu halten?

Derartige Fragen stoßen bei vielen Eltern auf Unverständnis. Häufig wird wie selbstverständlich angenommen, dass das Kindeswohl über alles geht - auch über die Persönlichkeitsrechte des Kindes. "Mit Track Your Kid haben Sie alles im Griff" verspricht der Anbieter Armex . Dies genau aber ist ein Irrtum. Die vorgebliche Sicherung ist weniger Gewinn für das Kind als erkaufte Selbstberuhigung für überforderte Eltern.

Und Datenschutz und Recht auf informationelle Selbstbestimmung sind keine "Rechte für Erwachsene", die man Kindern, auch wenn man deren Erziehungsberechtigter ist, beliebig vorenthalten kann. Rein juristisch gesehen müssen Kinder ab 14 Jahren ohnehin in eine Ortung ihres Handys einwilligen, wie Datenschützer bereits unmissverständlich erläutert haben.

2. Missbrauch ist möglich

Die Jury ist über die Naivität bestürzt, mit der Armex versucht, formal den Anforderungen des Datenschutzes Genüge zu tun. Bei näherem Hinsehen erweist sich dieses Vorgehen nämlich als hilfloser Versuch, potenziellen Kriminellen mit dem erhobenen Zeigefinger entgegenzutreten.

Eigentlich sollte bei der Auftragserteilung per Kaufbeleg nachgewiesen werden, dass einem die zu ortende Handynummer (SIM) auch gehört. Wer Armex aber online beauftragen möchte, wird danach nicht mehr gefragt. Eine Unterschrift unter eine Eigentumserklärung reicht anscheinend aus.

Außerdem stellt es z.B. für Lebenspartner erfahrungsgemäß kein großes Problem dar, den Handy-Vertrag des anderen ohne dessen Wissen an Armex zu faxen.

Und schließlich gibt es einen sehr einfachen Weg, mit genügend krimineller Energie auch fremde Handys orten zu lassen:

Armex sucht nämlich nicht nach den Handys, sondern ortet die SIM-Karten, die in die Geräte eingesetzt werden. Auf ihnen ist die Telefonnummer abgespeichert, das Gerät drumherum dagegen ist beliebig austauschbar. Mit etwas Phantasie lassen sich Szenarien denken, in denen man Opfern zumindest für kurze Zeit fremde SIM-Karten unterschieben kann, um sie so zumindest eine Zeitlang orten zu können.

In Arbeitgeber-/Arbeitnehmer-Verhältnissen stellt sich ein solches Vorhaben nochmals um einiges leichter dar: Firmen-Handys werden ohnehin von der Firma bestellt, verwaltet und gewartet. Da ist die Überwachung des ineffizienten Außendienstmitarbeiters oder der unliebsamen Betriebsratsvorsitzenden schlichtweg zu einfach in die Realität umzusetzen.

3. Auch Gebrauch ist Missbrauch

Bei allem Verständnis für besorgte Eltern um das Wohl ihres Kindes: Zur Erziehung gehört auch die Vorbereitung auf ein selbst bestimmtes Leben und die Vermittlung der Werte einer freiheitlichen Gesellschaft. Ob diese Gesellschaft noch in der Lage sein wird, persönliche Freiheitsrechte als wertvolles Gut zu begreifen und zu verteidigen, wenn ein Großteil ihrer Mitglieder von Kindesbeinen an eine ständige Überwachung gewöhnt ist (die TAZ nennt das "überwachungssozialisiert")? Wie soll ein derart geprägter Mensch überhaupt begreifen, dass soziales, menschliches und gesellschaftsverträgliches Verhalten in erster Linie auf eigener Einsicht basiert - und nicht auf der Angst vor Entdeckung möglichen Fehlverhaltens durch ständige Überwachung? Durch Angebote wie Track Your Kid lernen Menschen, die man auf diese Art entmündigt, Verantwortung dauerhaft abzugeben.

Eltern sollten sich besser zweimal überlegen, ob sie um den Preis einer vermeintlichen Sicherheit ihre Sprösslinge an die Normalität permanenter Überwachung gewöhnen wollen.

Die Jury geht hoffnungsvoll davon aus, dass die Kids sowieso schlauer als die Eltern sind und sich der Relevanz des kleinen Knopfs bewusst sind, an dem man die elektronische Fußfessel namens Handy einfach ausschaltet. Denn was nicht sendet, kann auch nicht geortet werden. Herzlichen Glückwunsch, Armex GmbH!

 

Bild: Dieter Schütz CC BY NC ND 2.0

Category: 
Year: