Laudator: padeluun, FoeBuD

Den Regionalpreis der BigBrotherAwards 2005 teilen sich die

Grundschule Ennigloh in Bünde
Volksbank Herford
Sparkasse Herford

für die Weitergabe und Nutzung von Adressdaten von Schulanfängern.

"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" - nach diesem Motto versuchen insbesondere Banken schon seit Jahren mit Schülerkonten und Konfirmationsgeschenken, Kinder so früh wie möglich an sich zu binden. Inzwischen sind schon die Schulanfänger im Visier der Banken: Zum Schulbeginn wird den Kindern ein Startkonto angeboten. Damit die Kinder rechtzeitig zur Einschulung von diesem Angebot auch erfahren, schreiben die beiden konkurrierenden Unternehmen Volksbank und Sparkasse, beide in Herford ansässig, die Kinder an und schicken Werbung für's Startkonto ins Haus.

Da fragt sich die geneigte Zuhörer- oder Leserschaft doch gleich: "Moment mal, woher wissen die denn, wer eingeschult wird?"

Wir haben die Banken angerufen. Die Volksbank weiß natürlich, so sagt sie selbst, dass sie alles richtig gemacht haben. Auf dem Infoabend für die Eltern, so erklärt uns der nicht allzu freundliche Herr am Telefon der Volksbank, ist eine Liste herumgegangen, auf der die Eltern bekundet haben, dass sie solcherlei Werbung für ihre Kinder ausdrücklich begrüßen. Nun, die Eltern, die uns diesen Vorfall gemeldet haben, wissen nichts von einer Liste oder gar einer Einwilligung. Ob man uns diese Liste mal zufaxen könne? Aber nein, auf gar keinen Fall dröhnt es am Telefon, es sei ja schließlich nicht auszuschließen, dass die BigBrotherAwards solche Unterlagen dann an die Konkurrenz weiter geben würden. Aha.

Außerdem: so etwas hat die Konkurrenz überhaupt nicht nötig. Denn auch die weiß sich die Namen und Adressen der Kinder zu beschaffen. Und immerhin: Anders als bei der Volksbank werden wir am Telefon nicht angelogen. "Die jahrelangen guten Beziehungen zu den Schulen führen dazu, dass der Sparkasse die Namen der Kinder von den Schulen bekommen", sagt uns eine freundliche junge Frau am Telefon. Dann guckt die Bank nach, ob man die Adressen der Eltern dazu habe, und schon ist die Datei mit der Werbeaussendung fertig.

Die meisten Schulen denken nicht daran, dass die Daten der ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schüler Begehrlichkeiten bei allerlei - ich sag jetzt mal - Gesindel weckt. Deswegen haben wir uns entschieden (sozusagen aus pädagogischen Gründen), den Preis an erster Stelle nicht den Banken, sondern der Grundschule in Bünde zuzuerkennen. Es soll eine Mahnung für alle Schulen bundesweit sein, dass aus den Rektoraten, Sekretariaten und seitens der Kollegien keine Daten an die Adressverwerter herausgehen. Einer Instrumentalisierung der Schulen durch Wirtschaftunternehmen sollten wir nach wie vor gemeinsam entgegenwirken.

Und sowas passiert auch nicht nur an Grundschulen und bei den ABC-Schützen. An mehreren Gymnasien -- wurde uns berichtet - wurden und werden Schülerinnen und Schülern Bücher aus der Duden-Reihe versprochen. Duden, Meyer, Brockhaus - ach, das scheinen renommierte Namen zu sein. Da denkt niemand etwas Böses. Wer ist wohl seriöser als der Dudenverlag?

Diese Buchgeschenke, dünne Bändchen namens "Schülerhilfe", werden aber an eine Bedingung geknüpft: Die Schülerinnen und Schüler müssen Ihre Anschrift angeben und diese Liste muß dem "selbstlosen Geschenkemacher" von der Schule zugeschickt werden.

Und dann haben wir mal nachrecherchiert: Die Firma, über die diese Schweinerei läuft, heißt inmediaONE GmbH. Sie sitzt in Gütersloh und gehört natürlich zum Bertelsmannkonzern. Der wiederum ist einer der ganz großen Player des Adresshandels. inmediaONE beauftragt die Firma WKV GmbH bei Trier mit der Komplettabwicklung. Die Selbstbeschreibung der Firma WKV liest sich so:

"Wir betreiben aktive Neukundenakquise und erweitern damit Ihre Kundenbasis. Wir generieren [...] qualifizierte Adressen für große Unternehmen im deutschsprachigen Raum. Unsere jährliche Kapazität liegt bei einer Summe von ca. 1 Million Netto-Interessentenadressen. [...] Dies gelingt uns beispielsweise durch die Datenerfassung bei Gewinnspielen, Preisrätseln und" - hört, hört - "Gratisaktionen."

Eine Lehrerin, die ihre Vertrauensstellung nicht als Erfüllungsgehilfin zur Akquise von Neukunden missbrauchen lassen wollte, hat es ausprobiert: Sie hat die Anschriften Ihrer Schülerinnen und Schüler nicht angegeben, sondern einen Klassensatz angefordert - Und dann gab's eben auch keine Bücher. Das macht klar: Es handelt sich nicht um "Geschenke".

Hier erwarte ich auch von der Schulaufsicht, die noch vor kurzem -- im Widerspruch zur Datenschutzbeauftragten des Landes NRW -- "keinen Verstoß gegen das Datenschutzgesetz" sah, dass sie alle Schulen informiert und diesem Treiben Einhalt gebietet.

In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder den Datenhandel in seinen verschiedensten Facetten mit einem BigBrotherAward versehen. Meist hat es die Nutznießer und Firmen getroffen. In diesem Jahr sitzt aus pädagogischen Gründen die Grundschule Ennigloh bei Bünde wegen ihrer Gedanken- oder Skrupellosigkeit in der ersten Reihe. Mit zur Nachschulung müssen in der zweiten Reihe die Volksbank und die Sparkasse Herford. In der dritten Reihe bekommt die Schulaufsicht hiermit einen blauen Brief.

Herzlichen Glückwunsch, Euch allen.

 

Bild: mkorsakov CC BY NC SA 2.0

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