Laudatorin: Karin Schuler

Der BigBrotherAward 2007 in der Kategorie „Arbeitswelt“ geht an die

Novartis Pharma GmbH

Herrn Dr. Peter Maag (CEO)

für die Bespitzelung ihrer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und die damit verbundene Verletzung grundlegender Persönlichkeitsrechte.

Was erwartet man von einem Unternehmen, das sich selbst in unterschiedlichen Verpflichtungen faires Handeln auferlegt hat? So zum Beispiel im Kodex der Mitglieder des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“. Das sich einer FairCompany Initiative angeschlossen hat, um zu demonstrieren, dass es ein fairer Arbeitgeber sei? Das öffentlich bekennt, dass es die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern will und sich damit brüstet, in mehr oder weniger unabhängigen Arbeitgeber-Bewertungen vordere Plätze zu belegen? Das in seinen Corporate Citizenship-Richtlinien die Achtung der Menschenrechte und faire Arbeitsbedingungen verspricht?

Man erwartet jedenfalls nicht, dass es zum Standard gehört, Mitarbeitern im Außendienst in großem Stil Detektive hinterherzuschicken, um minutiös deren Arzt- und Apothekenbesuche zu protokollieren. Man erwartet auch nicht, dass die Ergebnisse von Erhebungen am Arbeitsplatz, für die ausdrücklich Anonymität zugesichert wurde, dem einzelnen Mitarbeiter von der Personalabteilung bewertet zurückgegeben werden. Genauso wenig erwartet man, dass die mit der Durchführung beauftragte Agentur entsprechende Beschwerden mit dem Satz kommentiert „So naiv kann man doch nicht sein!“ (nämlich zu denken, dass der Auftraggeber die Ergebnisse nicht erhielte).

Wer jedenfalls erwartet hat, dass Selbstverpflichtungen wirklich wirken, wird enttäuscht.

Ganz offensichtlich fällt es diesem Unternehmen schwer, die selbst gesetzten Ansprüche umzusetzen, wenn Mitarbeiter nicht reibungslos funktionieren.

Insbesondere im Außendienst scheint sich die Wirklichkeit eher an dem schon vor einigen Jahren beschworenen Kriegszustand zu orientieren: als nämlich der für den Bereich Pharmazeutika zuständige Geschäftsführer der Konzernmutter Novartis AG den Außendienst mit der Parole „Kill To Win – No Prisoners“ zu Höchstleistungen anspornen wollte. Spätestens damals wurde deutlich, dass das Unternehmen die heile Welt der eigenen Hochglanzbroschüren und den dort propagierten respektvollen Umgang miteinander nicht wirklich für alltagstauglich hält. Auch wenn die Wortwahl nach allzu lauten Protesten abgeschwächt werden musste: Wie in Tagungssunterlagen der deutschen Novartis Pharma GmbH nachzulesen, dominieren martialische Begriffe weiterhin die interne Kommunikation: „Das beste Produkt, die besten Waffen“, „Streetfighting“, „den Mitbewerber kompromisslos ausgrenzen und angreifen“. Wie schafft man es, respektvoll „kernig reinzugrätschen“?

Nicht jeder Außendienstmitarbeiter kommt anscheinend mit diesem Spagat klar. Und nicht jeder erreicht auf legale Weise die unrealistisch hohen Vorgaben für den täglichen Besuchsschnitt von Ärzten und Apotheken. Dass dieser Druck zu kleinen Schwindeleien führt, wenn man keine deutlichen Gehalteinbußen riskieren will, scheint unvermeidbar.

Ein hoher Überwachungsbedarf lässt sich durch diese selbstverschuldete Situation allzu leicht begründen und so führt das Unternehmen seinen Kampf nicht mehr gegen die Konkurrenz, sondern gegen die eigenen Mitarbeiter. Bei der Wahl der Mittel ist man dabei nicht zimperlich. Neben der inoffiziellen Ermutigung von Kollegen zur Denunziation schickt man dem Mitarbeiter einfach ganztägig Detektive hinterher, die jeden Besuch und jede Tätigkeit minutiös aufschreiben. Frei nach dem Motto: Wer suchet, der findet – Und jeder Fund ermöglicht die schnelle Trennung vom Betroffenen. Eine derart lückenlose, die Persönlichkeitsrechte verletzende Überwachung scheint zu den Standardmaßnahmen zu gehören – fühlt sich doch sogar der Betriebsrat genötigt, in einer Veröffentlichung darauf hinzuweisen. Wobei man sich fragt, ob der Betriebsrat die Mitarbeiter nicht lieber vor solchen Maßnahmen schützen sollte, anstatt sie nur darüber zu informieren.

Der sorglose Umgang mit den Persönlichkeitsrechten der Mitarbeiter hat, den Vorgaben der Selbstverpflichtungen zum Trotz, scheinbar Methode. Nur so ist zu erklären, dass die Mitarbeiter die Ergebnisse einer „Selbsteinschätzung“ genannten Online-Befragung trotz ausdrücklich zugesicherter Vertraulichkeit nach kurzer Zeit personalisiert und mit Bewertung und Verbesserungsvorschlägen versehen aus der Personalabteilung zurück geschickt bekamen.

Da wundert es dann auch nicht mehr, wenn man von Behinderungen beim Besuch der Betriebsversammlungen, von datenschutzwidriger Veröffentlichung von so genannten „Rennlisten“ und Krankentagelisten und von der standardmäßigen Öffnung der Betriebsratspost durch die Poststelle erfährt.

An der Datenschutzfront hat die Novartis Pharma GmbH noch so einiges zu erkämpfen, Herr Dr. Maag – Herzlichen Glückwunsch zum BigBrotherAward!

 

Bild: Andrew CC BY 2.0

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