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Der BigBrotherAward 2012 in der Kategorie „Wirtschaft“ geht an

Markus Hankammer, vertretungsberechtigter Geschäftsführer der Firma

Brita GmbH

für ihr System „Schoolwater“.

Zwei Stunden lang quälen wir unser Publikum während der Verleihungsgala der BigBrotherAwards mit erschreckenden Texten, Fakten und Ungeheuerlichkeiten. Von nur wenig Musik und Kultur aufgelockert jagt eine Schreckensmeldung die nächste. Kaum denkt man, schlimmer ginge es nicht mehr – zack – hauen wir Ihnen die nächsten Fakten um die Ohren.

Das kann einem schon den Hals zuschnüren.

Wie gerne, denken Sie sicher, würde man das eine oder andere empörte Räuspern wenigstens mit einem Schluck Wasser runter spülen.

Und da sind wir schon beim Thema. Wir haben bei der Planung der diesjährigen BigbrotherAwards die Frage diskutiert, ob wir unserem Publikum hier vor Ort – das sind immerhin etwa 400 Menschen – eine kleine Erfrischung anbieten sollten. Nix großes, so ein Becherchen Wasser, zum leichteren Runterschlucken der Empörung. Das sollte eigentlich kein Problem sein, Leitungswasser ist in Deutschland in wirklich hervorragender Qualität vorhanden. Es kommt aus dem Wasserhahn und schmeckt – zumindest hier in Bielefeld – ausgezeichnet. Bei unseren Planungsbesprechungen waren alle dafür; alle Hände gingen hoch: Ja, ein Becherchen Wasser für unsere Besucherinnen und Besucher sollte drin sein.

Sie fragen sich jetzt sicher, wo es ist, das Becherchen Wasser …

Nein, Sie brauchen sich nicht zu bücken, es wartet auch nicht unter ihrem Sitz auf Sie.

Denn es gab viele Sachen zu bedenken: Auch wenn Leitungswasser soviel nicht kostet, ist das immerhin ein Kostenfaktor. Stellen Sie sich vor: 400 Leute trinken Wasser auf Kosten des FoeBuD. Kosten, die der FoeBuD durch Spendengelder erst noch einwerben muss. Und es steht die Frage im Raum: Ist das überhaupt eine zweckgemäße Verwendung von Spendengeldern, die in den Aufbau einer digital vernetzten lebenswerten Welt fließen sollen? Viele solche Fragen galt es zu klären, bevor wir zur Wasserfrage entscheiden konnten.

Ich will’s kurz machen:

Während der BigBrotherAwards können wir Ihnen leider kein kostenloses Wasser anbieten. Und falls Sie in Folge des Wassermangels dehydriert vom Stuhl fallen, sind wir aus Haftungs- und Kostengründen gezwungen, einen Notarzt zu rufen, damit der Ihnen ein paar Schlucke Notfallwasser einflößt, statt dass wir Ihnen selbst ein Becherchen Wasser reichen.

Und wenn man in so einer Nerd-Paranoia weiter denkt, gibt es für unkontrollierbare Elemente wie fließendes Wasser aus unbeobachteten und quasi-nicht-privatisierten Kränen nur eine angemessene Reaktion: Kostenpflichtige Leitungswasserautomaten!

Eine der modernen Ideen wäre, eine Wasserflatrate anzubieten. Sie könnten für 6 Euro ein leeres Fläschchen zum Wasserzapfen kaufen und legten noch einen Euro für die Wasser-Tagesflat hinzu. Damit könnten Sie dann am Wasserzapfautomaten so viel vom kühlen Nass zapfen, wie Sie trinken können …

Stopp! Im Zeitalter des Internets haben wir ja gelernt, dass Flatrates nie so richtige Flatrates sind.

Um Missbrauch zu verhindern würden Sie nur alle 10 Minuten Wasser zapfen können, nicht, dass Sie noch anfängen, mit dem Flatratewasser bedürftige Mitbürger zu versorgen, noch schnell mal Ihre Unterwäsche auswaschen würden oder sich einen kleinen Vorrat mit nach Hause nähmen.

Wie wir das bei der allgemeinen Personalknappheit kontrollieren wollten, dass Sie nur maximal alle 10 Minuten Wasser zapfen? Ha! Wir sind schließlich ein Verein, der sich mit modernen Techniken auf Augenhöhe bewegt.

In den Fläschchen, die wir Ihnen verkauft hätten, wäre ein RFID-Chip eingebaut. Im Wasserzapfgerät wiederum wäre ein Lesegerät untergebracht, das den Chip in Ihrer Flasche erkennt, prüft, ob Sie Ihren Flatrate-Euro bezahlt hätten und nur dann Wasser ausgäbe, wenn bereits 10 Minuten, seit Sie das letzte Mal Wasser gezapft haben, vergangen wären. Schummeln gäb’s also nicht, liebe Leute!

Sie ahnen schon. So eine komplexe Technologie, um ein paar Becherchen mit Wasser zu verteilen, da bräuchte der FoeBuD tatkräftige Hilfe durch die freie Wirtschaft.

Wir haben tatsächlich eine Firma ausfindig gemacht, die entsprechende Trinkwasserverteilstationen aufstellt, an die städtische Wasserleitung anschließt, die mit Schnüffelchip bestückten Fläschchen liefert, zweimal im Jahr die Wartung übernimmt, die Gelder für die Wasserflatrate einsammelt und die Wasserfläschchen freischaltet. Die schreiben Sie auch an, wenn Ihre Wasserflatrate abgelaufen ist – schließlich haben die wegen des Zahlungsverkehrs Ihre Adresse und erinnern Sie rechtzeitig an die nächste zu leistende Zahlung.

Die Firma heißt Brita (die kennen Sie von den Wasserfiltern her, die es in jedem Supermarkt zu kaufen gibt) und ist seit Anfang des Jahres 2012 durch Zukauf Inhaberin der Firma Brita Ionox GmbH. Und – jetzt werden wir mal wieder ernst – sie stellt natürlich ihre Wasserspender nicht bei den BigBrotherAwards auf, sondern … in Schulen!

Das zugehörige Marketingprojekt nennt sich „Schoolwater“. Es gilt, Schulen zu finden und eine oder mehrere Zapfstationen aufzustellen, damit die Kinder statt süßem ‚Blubberlutsch’¹ zukünftig Wasser trinken. Das Wasser auf Wunsch mit ‚Blubber’ – aber ohne ‚Lutsch’. Manchmal werden noch Sponsoren für die Fläschchen gesucht. Dann prangt schon mal Werbung für eine Diskothek auf den Fläschchen und auf dem TFT-Display der Zapfstation.

Ansonsten können die Fläschchen samt integriertem RFID-Chip für 3 bis 6 Euro gekauft werden. Die Eltern schließen online einen Vertrag über die die Wasserflatrate ab, die Firma kassiert, sendet ein Fläschchen mit integriertem RFID-Schnüffelchip zu und schaltet die Nummer des in der Flasche integrierten RFID-Chips frei. Ab dann kann Wasser gezapft – und dank Sondergenehmigung auch im Unterricht – getrunken werden (was sicher gesund ist und die Konzentration fördern mag).

Wir möchten noch einmal darauf hinweisen: Wasser zapfen, leer trinken, nochmal zapfen – so einfach geht das nicht. Denn der RFID-Mechanismus schaltet die Flasche erst nach 10 Minuten wieder frei, um neu Wasser abfüllen zu können.

Da kann die kleine oder große Pause schon vorbei sein.

Bedenken hinsichtlich der verwendeten RFID-Chips habe es auf Seiten der Eltern und der Schulvertreter nicht gegeben, sagte Oliver Maier, Geschäftsführer von Brita Ionox, im Interview mit der Fachzeitschrift „RFID im Blick“. Das ist auch überhaupt nicht verwunderlich: In den Informationsbroschüren und auf der Website von „Schoolwater“ gibt es nämlich keinerlei Hinweise auf die kleinen gemeinen Schnüffelchips. Dies erfahren Papa- und Mamabär nur, wenn sie die Fachblätter zu RFID abonniert haben sollten – oder gezielt die Fachinformationsseiten der RFID-Lobby im Internet besuchen.

Wir als Jury der BigBrotherAwards sehen hier gleich mehrere fatale Entwicklungen und Verfestigungen:

Hier ist wieder ein Projekt, das dazu führt, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene RFID-Chips bei sich tragen.

Wieder² ein Projekt, das dazu führt, dass Daten von Schülerinnen und Schülern und deren Eltern außerhalb des Schutzraums Schule bei Firmen anfallen.

Wieder ein Projekt, das dazu führt, dass Unternehmen einen profitorientierten Fuß in die Schultür stellen.

Wieder ein Projekt, das Schulen verkommerzialisiert, transparent macht für Profitinteresse, wo Sponsorenlogos in Schulen Verbreitung finden. Wie sagte schon der Kabarettist Volker Pispers: „Und jeder kann frei wählen: Schick ich mein Kind auf die Aldi-Gesamtschule? Auf das Bennetton-Gymnasium. Oder auf das Kellogs-Kolleg? Ja, Sie lachen. Real-Schulen gibt es schon.“

Und es gibt noch einen Aspekt, auf den wir hinweisen möchten: Es gibt weltweit Bestrebungen, Wasser zu privatisieren und damit zu kommerzialisieren. Im Jahr 2010 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen Wasserversorgung zum Menschenrecht. Die Wasserversorgung als Menschenrecht bezieht mit ein, dass das Wasser sauber ist und man nicht krank wird, wenn man es trinkt, sowie das Vorhandensein eines Zugangs zu Wasser. Stattdessen versuchen Unternehmen nun, Wasser zu einem teuren Gut umzugestalten: Ein Menschenrecht soll zur kostenpflichtigen Dienstleistung degradiert und kommerzialisiert werden.

Was lernen Kinder und junge Erwachsene, wenn sie solch einer paternalistischen, also bevormundenden Technik ausgeliefert sind? Sie lernen a) für mein Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser muss ich bezahlen, b) auch wenn ich viel habe, darf ich niemandem was abgeben, c) Mama, Papa und die Lehrer finden es völlig in Ordnung, wenn Menschen – und damit auch ich – durch (Überwachungs-)Technik drangsaliert und entmündigt werden.

Nein, das ist nicht in Ordnung. Und das sollten Menschen merken: Wenn jemand anfängt, Grundrechte zu verkommerzialisieren, dann muss jemand kommen und Einhalt gebieten. Aus einer Schule (oder genauer: aus den Eltern) zwischen 10- und 30.000 Euro jährlich herauszupressen, damit Kinder Wasser trinken können, das muss nicht sein und das darf nicht sein. Hier braucht es andere Koordinationsmaßnahmen – und ich bin sicher, richtigen Menschen fällt da jede Menge Besseres ein, als paternalistische Überwachungsmaschinen in Schulen zu stellen.

Für Sie, die Sie immer noch dürstend vor mir sitzen und lauschen, zeigt sich – denn uns IST natürlich auch was Besseres eingefallen – ein Silberstreif am Horizont. Wir nähern uns dem Ende der diesjährigen Verleihungsgala der BigBrotherAwards – die wir gleich nicht mit einem Becherchen Wasser, sondern mit einem Gläschen Sekt (wahlweise Orangensaft) abschließen werden. Und um die Diskussion um die Kosten vom Anfang aufzugreifen und abzuschließen: Das muss einfach sein.

Falls unser Preisträger, Herr Hankammer, anwesend ist, ist auch er zum kostenlosen Glas Sekt eingeladen. Trinken Sie auch gerne noch ein zweites Glas. Wir zählen dies nicht.

Herzlichen Glückwunsch zum BigBrotherAward der Kategorie Wirtschaft, Herr Hankammer.

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¹ An dieser Stelle sei Erika Fuchs, prägende Übersetzerin der Donald-Duck-Geschichten, für die Wortschöpfung gedankt

² Siehe BigBrotherAwards 2011 an den Verlag für Wissen und Innovation in Starnberg und BigBrotherAwards 2005 an die Grundschule Ennigloh.

 

Bild: Hajime NAKANO CC BY NC 2.0

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