Update vom 26.9.2020 (Jahrbuch 2021, S, 130-133)

BrainCo widerspricht eigenen Aussagen

Firma BrainCo hat uns auf die Einladung nicht direkt geantwortet. Aber Stern.de, das ver.di-Magazin „M - Menschen machen Medien“ und die Wochenzeitung Die Zeit haben ausführlich berichtet. In der Zeit erschien ein ganzseitiger Artikel der Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel als Aufmacher des Wissenschaftsteils mit dem Titel „Ich sehe was, das du nicht denkst“. 

Von der Presse angefragt versuchte BrainCo, sich damit herauszureden, dass „FocusEdu“ in erster Linie für wissenschaftliche Studien gedacht sei. Das widerspricht allerdings klar den Aussagen auf ihrer Website, gegenüber der Presse und in ihren Werbevideos. Denn darin brüsten sie sich damit, wie großartig FocusEdu die Aufmerksamkeit im Unterricht verbessere und wie viele Tausend Exemplare sie in die Schulen bringen wollen und schon gebracht haben.

Firmengründer Bicheng Han behauptete chinesischer Presse gegenüber, dass die Lehrkräfte nur ein allgemeines Bild über die Aufmerksamkeit der Klasse bekämen, nicht aber über die einzelnen Schüler. Wer sich aber die Werbevideos von BrainCo anschaut, kann selber sehen, dass das eine Lüge ist: Dort wird die Aufmerksamkeit jedes einzelnen Kindes auf dem Lehrerrechner sichtbar gezeigt. Und es wird auch gezeigt, wie diese Anzeige dafür genutzt wird, dass der Lehrer sieht, dass eine Schülerin unaufmerksam ist und zu ihr hingeht, „um ihr zu helfen“. Spätere Statements von BrainCo gegenüber der Presse sind reine Vernebelungstaktik.

Fakt ist, dass die Technik von BrainCo nur sehr unzuverlässig funktioniert und versucht wird, einen Hype zu erzeugen. Wir haben uns für Digitalcourage ein BrainCo-Stirnband bestellt und selbst getestet. Hierzulande werden sie noch nicht zur Schülerüberwachung, sondern nur zur „Selbstoptimierung“ angeboten. Das Resultat war wenig überzeugend. Ob Gehirnwellen überhaupt erfasst wurden, war mehr oder weniger Glückssache – mal blinkt das Stirnband blau, mal gelb, mal rot. Mit der einen App war es gar nicht möglich, es zum Laufen zu bringen, eine andere App versuchte, eine Verbindung zu einer chinesischen Website aufzubauen. Alles wenig vertrauenerweckend. 

Doch egal, ob die Technik schon funktioniert oder nicht – der Hype darum ist gefährlich. Denn die Haltung, die dahinter steht, ist zynisch und menschenfeindlich: Jugendliche sollen an Dauerüberwachung gewöhnt und diszipliniert werden, Schüler.innen sollen durch Angst zu Lernleistungen angetrieben werden – das ist mit unseren Bildungsidealen und unserer Auffassung von Freiheit und Demokratie nicht vereinbar. 

Wissenschaftscampus Tübingen denkt zu kurz

Die Forschungsgruppe vom Leibniz-Wissenschaftscampus Tübingen betonte in einer Antwort per E-Mail, dass sie keinesfalls die EEG-Stirnbänder der Firma BrainCo einsetzen würden. Das ist korrekt – das hatten wir aber auch nicht behauptet.
Die Forschungsgruppe arbeitet aber sehr wohl mit EEG-Technik, um über die Analyse der Gehirnwellen die Aufmerksamkeit von Schüler.innen zu ermitteln. Dafür setzen sie EEG-Hauben ein, die zuverlässigere Messwerte liefern. Zusätzlich nutzen sie Eye-Tracking, also Verfolgung der Augenbewegungen, und Videoüberwachung.

Die Tübinger sagen, dass sie den Einsatz entsprechender Stirnbänder zur Kontrolle der Aufmerksamkeit einzelner Schülerinnen und Schüler in der konkreten Unterrichtspraxis entschieden ablehnen. Dabei nehmen sie genau das in ihrem eigenen Wissenschaftsmagazin als zukünftige Anwendung ins Visier. Zitat:
Im Schulzimmer sitzen 25 Schüler an ihren Arbeitsrechnern, auf denen eine Matheaufgabe nach der anderen aufblinkt. Jeder trägt auf dem Kopf eine Art Kopfhörer, der per Kabel mit dem PC verbunden ist. Der Clou: Ist ein Schüler mit einer Aufgabe überfordert, schaltet das Programm automatisch auf eine leichtere Lernstufe zurück. Erkannt hat das System dies einzig an winzigen körperlichen Veränderungen beim Lösen der Aufgabe: am Muster der Gehirnaktivität und Veränderungen der Pupille. (...)

[E]in Forscherteam um Peter Gerjets und Wolfgang Rosenstiel im Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen hat sich zur Aufgabe gemacht, gedankliche Prozesse wie Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis mit Messfühlern am Körper detailliert zu erfassen, um Lern- und Denkaufgaben in Echtzeit an die momentane geistige Leistungsfähigkeit anzupassen. (...) Ein Problem dabei bisher: Für einen praxistauglichen Einsatz müsste es kostengünstige, wenig störende Instrumente geben, die dennoch in guter Qualität messen. Das könnte zum Beispiel eine Art Stirnband mit nur wenigen Elektroden sein [Unterstreichung durch Digitalcourage], die Datenauswertung könnte ein Smartphone übernehmen. „Die Industrie ist an solchen Neuro-Anwendungen hoch interessiert“, berichtet Gerjets. „Dennoch wird es wohl noch fünf bis zehn Jahre dauern, bis ein praxistaugliches Gerät auf dem Markt ist.“

Mit anderen Worten: So ein Stirnband wie das von BrainCo fänden die Tübinger echt cool – wenn es nur schon in akzeptabler Qualität verfügbar wäre.
Die Tübinger Forscher fühlen sich durch den BigBrotherAward ungerechtfertigt als schwarze Schafe dargestellt, obwohl sie sich doch sehr um forschungsethische Fragen bemühen würden.

Wir meinen, dass sie hier leider zu kurz denken:

Unser Anliegen geht über die Behandlung der Proband.innen in dem Forschungsprojekt hinaus. Wir fordern, dass Forscher.innen immer auch bedenken müssen, welche Folgen ihre Forschung haben wird, wenn sie tatsächlich zum Einsatz kommt. Das heißt hier: Welcher heimliche Lehrplan wird sich in der Gesellschaft ausbreiten, wenn Kinder und Jugendliche tatsächlich die ganze Zeit beobachtet, digital analysiert und entsprechend behandelt werden? Wollen Sie ernsthaft, dass Ihre Kinder und Enkelkinder so aufwachsen? Bitte denken Sie nochmal darüber nach.