Laudatorin: Rena Tangens, FoeBuD e.V.

Der BigBrotherAward 2005 in der Kategorie "Verbraucherschutz" geht an den

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006

Organisationskomitee Deutschland im DFB

vertreten durch Franz Beckenbauer

für die inquisitorischen Fragebögen zur Bestellung von WM-Tickets, für die geplante Weitergabe der Adressen an die FIFA und deren Sponsoren und für die Nutzung von RFID-Schnüffelchips in den WM-Eintrittskarten und damit den Versuch, eine Kontroll- und Überwachungstechnik salonfähig zu machen zum Nutzen des WM-Sponsors und RFID-Herstellers Philips.

Eigentlich war es recht vorhersehbar, dass das WM-Komitee einen BigBrotherAward bekommt. Schon 2003 stand die mit einem Schnüffelchip verwanzte Eintrittskarte der Fußballweltmeisterschaft 2006 auf der Kandidatenliste. Die BigBrotherAwards-Jury hat sich dann aber damals doch für Metros Testsupermarkt "Future Store" entschieden, wo die Funkchips schon im Kundenbereich zum Einsatz kamen. Dieser BigBrotherAward für Metro hatte weltweite Wirkungen: Die RFID-Industrie steht seitdem in der Kritik.

Im Jahr 2004 stand das WM-Komitee wieder auf der BBA-Kandidatenliste - mittlerweile waren der Jury auch weitere Details bekannt - aber wir wollten nicht langweilen und schon wieder ein RFID-Thema in den Mittelpunkt stellen. "2006 ist ja noch weit weg", dachten wir, "da können wir ja noch ein Jahr später was tun."

Nach der Preisverleihung vor einem Jahr stellten wir plötzlich fest, dass das WM-Überwachungsszenario viel näher war, als wir glaubten. Das Bündnis Aktiver Fußballfans, kurz "BAFF" (das sind die, die den schönen Satz "Sitzen ist für den Arsch" geprägt haben), machte uns darauf aufmerksam, dass der Eintrittskartenverkauf in bald drei Monaten - also im Februar 2005 - beginnen würde. Aus mangelnder Fußballbegeisterung hätten wir den sich anbahnenden Datenschutzgau fast verpasst...

Zu den Fakten: Jede und jeder, die oder der ein "Ticket" haben wollte, muss dies beantragen. Und zum Antrag gehören Daten. Name. Adresse. Kinderkrankheiten... Nein, Kinderkrankheiten nicht. Aber: Geburtsdatum, Telefon, Nationalität und wessen Fan ich bin. Bitte? In Deutschland? 60 Jahre nach Kriegsende, 60 Jahre nachdem ganze Völkergruppen aus deutschen KZs ermordet worden sind, fragt ein deutsches Unternehmen auf einem Fragebogen nach Nationalität und für welche Nationalität mein Herz schlägt? Ich bin Grieche und finde die Türken toll? Ich habe einen amerikanischen Pass und mein Herz schlägt für die saudi-arabische Nationalmannschaft? ...

Und wozu wird beispielsweise das Geburtsdatum abgefragt? Für die Kartenbestellung ist es überflüssig - für die Werbebranche dagegen von großem Wert.

Wer braucht diese Daten - wer bekommt sie und was passiert damit? Nun, sie gehen auf jeden Fall an die FIFA1, den Weltfußballverband, und von dort an deren Sponsoren, als da wären Coca Cola, Mastercard, Gillette, Philips, die Airline der Vereinigten Arabischen Emirate, die Telekom, McDonalds und und und.

Der Soziologe Richard Sennett sagt sinngemäß: "Der moderne Kapitalismus ist in seiner Grundtendenz antidemokratisch. Er begünstigt das, was ich "eine weiche Spielart des Faschismus" genannt habe. In der neuen Politik ist das Diktat auf dem Vormarsch - sie führt zu willkürlichen und autoritären Entscheidungen und ihr ist es völlig gleichgültig, was die Mehrheit der Menschen denkt."

Aber es geht ja auch gar nicht um Menschen. "Es geht um Sicherheit", sagt das WM-Organisationskomitee. Und deshalb sollen alle Karteninteressenten auch noch die Personalausweis- oder Reisepassnummer angeben. Aber: Die Erhebung und Verarbeitung dieser Nummer ist nach dem Personalausweisgesetz gar nicht statthaft, denn die Nutzung der Ausweis-Seriennummer als eindeutige Personenkennziffer hat der Gesetzgeber verboten. Doch das störte das WM-OK des DFB wenig.

Und das WM-OK fühlt sich beim Datenmissbrauch offensichtlich sicher. Denn Innenminister Otto Schily höchstpersönlich sitzt mit im Organisationskomitee der Fußball-WM und deckte die Abgabe der Ausweisnummer, ja vermutlich forderte er sie sogar. Die Personalausweis-Nummer wird gespeichert und kann in einer Datenbank mit der Nummer auf dem RFID-Chip verknüpft werden, der in die Eintrittskarten integriert ist.

Sowohl Otto Schily als auch der DFB haben bereits von der Journalistenvereinigung "Netzwerk Recherche" den Negativpreis "Die verschlossene Auster" dafür erhalten, dass sie bei kritischen Fragen Journalisten keine Auskünfte geben. Auch als der FoeBuD gerade noch rechtzeitig vor der Ticketvergabe die Öffentlichkeit aufrüttelte, und auch viele Journalisten deswegen anfragten, herrschte - wie auch schon im Vorfeld - seitens des OK und des Innenministeriums tiefes Schweigen. Keine Interviews. Kein Kommentar.

Auch auf eine Abmahnung des Verbraucherschutzverbandes vzbv wegen schwerwiegender Mängel in den Fragebögen reagierte der DFB erst, als die Verbraucherschützer mit einer einstweiligen Verfügung drohten, nach der der Ticketverkauf hätte eingestellt werden müssen.

Inzwischen hat der DFB einem lauen Kompromiss zugestimmt. Zwar muss auf den Formularen nun eindeutig der werblichen Nutzung der abgegebenen Daten zugestimmt werden, aber die illegale Eingabe der Personalausweisnummer wird nach wie vor verlangt. Die illegale Abfrage unnötiger Daten ist ebenfalls nicht vom Tisch, oder dass Karteninteressenten die Ausweis-Nummern von Freunden oder Familienmitgliedern eintragen müssen, wenn sie mehrere Karten bestellen.

Deutliche Kritik gab es auch von den Datenschützern vom Unabhängigen Landesdatenschutzzentrum Schleswig-Holstein. Sie griffen die Kritik des FoeBuD auf und veröffentlichten eine kritische rechtliche Bewertung. Dr. Thilo Weichert fasst zusammen:

"Die Fußball-Weltmeisterschaft wird zu einem Überwachungsgroßprojekt missbraucht, mit dem Fußball-Fans vollständig kontrollierbar gemacht werden sollen. Mit diesem Mehr an Überwachung wird aber kaum mehr Sicherheit erreicht. (...) Zugleich wird mit dem Ticket-Verfahren die RFID-Technik, der Einsatz von kleinen Funkchips, in der Gesellschaft hoffähig gemacht. RFID sind in der Logistik sinnvoll, dieser Einsatz am Menschen ist aber alles andere als datenschutzfreundlich. Auf dem Bestellformular werden zudem mehr Daten als notwendig abgefordert. (...) Da keine Alternative angeboten wird, stehen die Fußball-Fans vor der Alternative, entweder ihre Daten preiszugeben, oder auf die Teilnahme an WM-Spielen zu verzichten. Für den DFB steht offensichtlich nicht der Genuss am Fußball im Vordergrund, sondern die Vermarktung der Fans als Ware."

Es ist ein verhängnisvoller Trend, dass zunehmend Leistungen davon abhängig gemacht werden, dass Bürger einem Unternehmen als gläserner Kunde gegenübertreten müssen. Dass Eintrittskarten verpflichtend personalisiert werden, ist eine Anmaßung eines immer autoritärer werdenden Systems.

Die gebetsmühlenartig vorgetragenen "Sicherheitsaspekte", die wir uns immer wieder als Vorwand für dieses Gesetz und jene Maßnahme anhören müssen, sind eine Farce. Wenn Fußballspiele tatsächlich so ein Sicherheitsrisiko sein sollten, dass es nur noch möglich ist, sie in totalitären Staaten abzuhalten, dann müssen Fußballbegeisterte eben in totalitäre Staaten ausweichen. Wir wollen keinen Staat, in dem über die ständige Drohung mit einer diffusen Terrorismusgefahr Preisgabe von Bürgerrechten und angepasstes Wohlverhalten der Bürgerinnen und Bürger erzwungen wird.

Das Erfassen der Daten im Bestellformular bringt keine Sicherheit. Der RFID-Chip, im WM-Ticket, der per Funk ausgelesen werden kann, ermöglicht das Tracking von Fußballfans, also das Verfolgen und Erstellen von Bewegungsprofilen - aber er bringt keine Sicherheit (er erhöht vermutlich nur den Schwarzmarktpreis). Das wissen die Drahtzieher im WM OK offensichtlich auch.

Originalton aus dem Interview eines Journalisten mit einem der ranghöchsten FIFA-IT-Spezialisten: "Why do you need RFID?" - "Because Philips is our sponsor." - "Are there any technical advantages with these chips?" - "Philips is our sponsor. Please ask their representive."

Bei der Fußball-WM wird versucht, über die WM-Tickets, die jeder Fan haben will, RFID-Technologie in Deutschland zu etablieren - denn die RFID-Lesegeräte in den Stadien werden wohl kaum zum Ende der WM wieder abgebaut. So wird - mit Millionen von Fußballfans als Testobjekten - eine potentielle Überwachungs- und Kontrollstruktur salonfähig gemacht.

Und Sie, Herr Beckenbauer, halten auch dafür Ihr Gesicht in jede Kamera.

Übrigens, die Quote stimmt auch bei uns. Rein zahlenmäßig kamen Sie bei den Vorschlägen, wer einen BigBrotherAward bekommen soll, auf den zweiten Platz. Doch das ist kein Grund zur Freude, denn jede Nominierung ist eine Rote Karte - Ihnen zugedacht von den deutschen Fußballfans.

Herzlichen Glückwunsch zum BigBrotherAward, lieber DFB, liebes WM-Organisationskomitee, lieber Franz Beckenbauer.

 

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Bild: Madebyr.de CC BY ND 2.0

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