Laudator: padeluun – Video

Der BigBrotherAward 2016 in der Kategorie Verbraucherschutz geht an

die Generali Versicherung,

vertreten durch ihren Vorstandsvorsitzenden Giovanni Liverani, weil seine Firma ihren Versicherten Boni verspricht, wenn sie sich im Gegenzug dafür überwachen lassen.

Als ich mir überlegte, wie ich für diesen Preisträger eine Laudatio abfassen soll, dachte ich mir: „Eigentlich ist mit dem einen Satz doch schon alles gesagt: ‚Der BigBrotherAward 2016 in der Kategorie Verbraucherschutz geht an die Generali-Versicherung[1], vertreten durch ihren Vorstandsvorsitzenden Giovanni Liverani, weil seine Firma ihren Versicherten Boni verspricht, wenn sie sich im Gegenzug dafür überwachen lassen.‘ Herzlichen Glückwunsch, nächster Kandidat … Herr Liebold, übernehmen Sie …“

Aber – halt! – so einfach ist das nicht.

Schon 2007 haben wir einen Preis verliehen, weil ein Unternehmen sogenannte „Pay as you drive“-Tarife in den Markt bringen wollte. Sie erinnern sich? Da hat man dann so eine Blackbox im Auto, die das Fahrverhalten an die Versicherung verpetzt, und wenn man defensiv fährt und alle Geschwindigkeitsbeschränkungen einhält, bekommt man die Versicherung etwas billiger. Damals hatten alle noch den Kopf geschüttelt. Heute, 10 Jahre später, gibt's das, vor allem für die Zielgruppe Fahranfängerinnen und -anfänger.

Übertragen auf eine Krankenversicherung hieße das: Man könnte die Daten von Fitnessarmbändern auswerten und die Versicherten quasi permanent an der kurzen Leine laufen lassen. Wer sich ausreichend – aber nicht ausufernd – bewegt, wer Sport treibt, aber nicht übertreibt, wer ein gutes Herz hat (damit ist der mechanische, nicht der mit-fühlende Teil des Herzens gemeint), wessen Pulsschlag regelmäßig ist und wessen Blutdruck sich im goldenen Bereich der Mittelmäßigkeit befindet, der oder die bekommt die Versicherung billiger. Punkt. Wir überwachen Dich und Deine Körperfunktionen – und Du zahlst weniger. Punkt. Fragen? Keine. Punkt. Liest man ja immer wieder, solche Ideen. Die Techniker Krankenkasse (scherzhaft auch schon „Techniker Krakenkasse“ genannt) ist damit auch kürzlich erst auffällig geworden.

Aber so einfach ist das nicht.

Bei unserem Preisträger, der Generali, geht's zurzeit noch nicht ums Autofahren (das überlassen sie vorerst noch der Konkurrenz) sondern um Krankenversicherungen – und vor allem um Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen. Und es geht auch nicht darum, dass Krankenversicherungstarife billiger werden. 

Denn Versicherungen funktionieren so: Alle zahlen ein, damit die, die Hilfe brauchen, etwas heraus bekommen können. Das weiß auch die Generali. Und deshalb gibt es keine billigeren Tarife für die Daten von Blutdruck, Puls und Co, sondern … Punkte.

Dafür werden auch nicht die Daten meines Fitnessarmbands direkt abgefragt, sondern ich soll eine App pflegen, mit der ich Punkte bekomme, wenn ich zum Beispiel in einem lizenzierten Sportstudio brav meine Trainings absolviere. Wir erinnern uns: Punktesysteme sind – wie wir schon im Jahr 2000 mit dem Preisträger Payback nachgewiesen haben – reine Kundenbindungs- und Gängelungssysteme.

Mit den Punkten der Generali Versicherung können Sie sich nicht günstiger versichern. Nein, für die Punkte bekommen Sie Rabatte in Läden, die sich dem Generali-Programm angeschlossen haben. Natürlich nur, wenn Sie besonders gesunde Produkte kaufen. Also irgendwas, wo „Bio“ draufsteht. Und diese müssen Sie ausschließlich in bestimmten – aber wenigen – Markengeschäften kaufen. Gurken oder Erdbeeren vom regionalen Wochenmarkt bleiben da wohl außen vor.

Asterix-Kenner erinnern sich da wahrscheinlich gleich an den Fischhändler Verleihnix. Der holt seine Ware, die immer etwas streng riecht, von weitweither aus Lutetia, anstatt die Fische aus dem wenige Schritte vom Dorf entfernten Meer zu holen: „Ich biete doch keine Fische direkt aus dem Meer an. Ohne Frischegarantie!“

Wir sollen also unsere höchst sensiblen Gesundheitsdaten an ein Unternehmen ausliefern, um danach bei weiteren, befreundeten Unternehmen einzukaufen. Und an wen gehen diese Daten dann genau?

Dazu schreibt die Generali in einer Pressemitteilung:

In der Medienberichterstattung ist fälschlicherweise von einer Vitality-Fitness-App die Rede, die die Kunden überwacht. Dabei besteht für die Kunden kein Grund zur Sorge: Das „Vitality“-Programm und das eigentliche Versicherungsprodukt werden rechtlich und organisatorisch voneinander getrennt. Der Versicherer erhält nur eine Information über das Statuslevel des Kunden. Zudem entscheidet der Kunde selbst, ob er am „Vitality“-Programm teilnehmen und welche Daten er im Rahmen des Programms übermitteln möchte.

An wen gehen also die Daten? Das beantwortet die Generali nicht so laut – sie sagen nur „Keine Sorge, wir bekommen Ihre Daten nicht.“ Na, das ist ja beruhigend… nur wissen wir, dass Daten, egal wo sie liegen, selten Patina ansetzen. Meistens werden sie auch für irgendetwas genutzt.

Was noch zu untersuchen wäre: Für ihr „Vitality-Programm“ hat sich die Generali mit einem südafrikanischen Finanzunternehmen zusammengetan, die sich ein Programm namens „Discovery“ ausgedacht haben. Hier laufen die Daten aus den Fitnesszentren hin, in denen Menschen trainieren, um ein paar Punkte zu bekommen. Über südafrikanische Datenschutz- und -sicherheitsgesetze ist uns hier recht wenig bekannt. Zumindest wissen wir, dass es kein Datenschutzabkommen von Europa oder Deutschland mit Südafrika gibt. Ob damit der Datenaustausch legal ist? Also ich bezweifle das.

Der Fachbegriff für das, was hier mit uns Versicherten passiert, ist „Gamification“. An manchen Stellen mag Gamification durchaus sinnvoll sein. Aber hier wird alles zum Spiel, selbst das angebliche Gesundheitstraining. Ein weiteres, albernes und obskures Punktesystem – diesmal nicht nur gegen die Preisgabe von persönlichen, sondern von intimsten Daten. Und mit quasi faktischem Zwang: Wer sich selbst zu gesünderem Leben motivieren will und dabei noch daran glaubt, dass man hier Geld sparen kann, ist nahezu gezwungen, da mitzumachen. Wer ist schon reich – oder souverän – genug, den Verlockungen des angeblichen Schnäppchens zu widerstehen? 

Nach einer Studie des Marktforschungsunternehmens YouGov[2] würde angeblich jeder Dritte in Deutschland da mitmachen wollen. Man spart ja was! Zumindest, wenn man nicht drüber nachdenkt. Und so begibt man sich ins Hamsterrad der Selbstvermessung, der Selbstentäußerung und des Sparwahns. Mit einer fatalen Nebenwirkung: Überwachungsdruck und Entsolidarisierung.

Wir finden diese Entwicklung fatal.

Noch einmal, denn man kann es offensichtlich nicht oft genug sagen: In eine Versicherung zahlen alle ein, auch diejenigen, die das Glück haben, eine robuste Gesundheit zu haben. Damit finanzieren wir alle auch die Menschen mit, die nicht das Glück ewiger Gesundheit haben – oder das Pech eines Unfalls. Darum geht's bei einer Versicherung. Das ist Solidarität.

Es beschädigt uns alle, die gesamte Gesellschaft, wenn sich immer mehr Menschen scheinbare Vorteile verschaffen wollen, indem sie sich mit sinnlosem Zeug beschäftigen lassen. Es ist fatal, wenn sich immer mehr Menschen aus einer mitfühlenden und helfenden Gesellschaft verabschieden und nur auf individuelle Erfolge und Vorteile aus sind. Sicher ist es gut, Menschen hin und wieder anzuregen, mal den inneren Schweinehund zu überwinden und nicht mit dem Auto hundert Schritte zum Zigarettenautomaten zu fahren. Dafür darf man mir das gerne das Halbjahresmagazin der Versicherung schicken und ich kann dann bitte selbst entscheiden, welchen Apellen ich Gehör schenke und welche ich ignoriere. 

Meine Würde ist unantastbar – manchmal wünsche ich mir, dass zumindest elementarste Artikel unseres Grundgesetzes auch für Versicherungs- und andere Unternehmen direkte Geltung hätten. Paternalistische Übergriffe auf Menschen, also sie so zu behandeln, als seien sie unfähige kleine Kinder, kann dazu führen, dass Menschen sich wie unfähige kleine Kinder verhalten. Regelrecht bösartig ist, ihnen dabei auch noch einzureden, sie würden aktiv ihr Leben und ihre Gesundheit gestalten. Und das, indem sie sich von einem Kundenbindungssystem gängeln lassen, das weiteres Geld, das sie ausgeben, in andere, an das Unternehmen gebundene Taschen leitet.

Wir müssen solche „gamifizierten“ Angebote erkennen und anprangern. Wir müssen ihnen widerstehen. Wir müssen sie ächten. Denn dieser Unsinn gefährdet den sozialen Frieden. Und er gefährdet den inneren Frieden aller Menschen, die bei der täglichen Selbstvermessung mitmachen.

In diesem Sinne, Herzlichen Glückwunsch zum BigBrotherAward 2016, Generali Versicherung.

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Fußnoten

[1] Das aus Italien stammende Unternehmen „Generali in Deutschland ist mit rund 16,8 Mrd. Euro Beitragseinnahmen und mehr als 13,5 Millionen Kunden der zweitgrößte Erstversicherungskonzern auf dem deutschen Markt. Zum deutschen Teil der Generali gehören die Generali Versicherungen, AachenMünchener, CosmosDirekt, Central Krankenversicherung, Advocard Rechtsschutzversicherung, Deutsche Bausparkasse Badenia und Dialog.“ Und hat sich die Versicherung einverleibt, die mal unter dem Namen „Volksfürsorge“ bekannt war.

[2] Studie des Marktforschungsunternehmens YouGov

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Bild

Binary Code: Christiaan Colen auf Flickr (CC BY-SA 2.0)
Logo: Generali Versicherung

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Antwortschreiben des Leiters der Unternehmenskommunikation der Generali Versicherung

Vielen Dank für die Einladung zur Preisverleihung des „BigBrotherAwards“ am 22. April 2016 in Bielefeld. Leider können wir nicht an der Veranstaltung teilnehmen, da wir erst wenige Tage vor dem Veranstaltungstermin Ihre Einladung erhalten haben. Wir hätten diese Gelegenheit gerne genutzt, um mit Ihnen über dieses, für uns sehr wichtige Thema zu diskutieren, und zu erklären, wie Generali Vitality wirklich funktioniert.

Wir freuen uns zwar über die große Aufmerksamkeit, die Generali Vitality schon jetzt zu Teil wird, aber wir sind auch etwas erstaunt, einen solchen Preis bereits heute zu erhalten, da die eigentliche Produkteinführung erst ab dem 1. Juli 2016 vorgesehen ist. Lassen Sie uns daher noch einige Aspekte zu Generali Vitality erläutern:

Dem Generali Vitality Programm liegt die Idee zugrunde, Anreize für gesundheitsbewusstes Verhalten zu schaffen. Kunden können sich durch Boni und Vergünstigungen selbst motivieren. Um die Kunden bei ihrer gesunden Lebensweise bestmöglich zu unterstützen, bauen wir derzeit ein attraktives Partnernetzwerk auf. Kunden erhalten bei unseren Kooperationspartnern Vergünstigungen. Egal, ob alt oder jung, gesund oder krank – jeder, der an seiner Lebensweise etwas ändern möchte, kann an dem freiwilligen Generali Vitality Programm teilnehmen. Die Erreichung von Zielen wird individuell festgelegt.

Alle vom Kunden freiwillig übermittelten Daten werden in der rechtlich und organisatorisch eigenständigen Generali Vitality GmbH mit Sitz in München verwaltet. Hierbei handelt es sich um eine Tochtergesellschaft der Generali. Es werden keinerlei Daten nach Südafrika übermittelt. Wir haben das Konzept lediglich in Kooperation mit Discovery, einem südafrikanischen Unternehmen, entwickelt, der Vitality beispielweise bereits in den USA und Großbritannien erfolgreich eingeführt hat.

Die Teilnahme am Generali Vitality Programm ist absolut freiwillig. Kunden können sich auch weiterhin für „traditionelle“ Produkte entscheiden und haben dabei keine Nachteile. Die Prämien der herkömmlichen Tarife werden nach wie vor entsprechend des Risikos kalkuliert. Aus unserer Sicht stärkt Generali Vitality sogar die Solidarität in der Versichertengemeinschaft, indem es Anreize setzt, sich risikobewusster zu verhalten – zugunsten des Kollektivs.

Im Hinblick auf den Datenschutz stehen wir in einem umfassenden Austausch mit den zuständigen Datenschutzbehörden und Organisationen. Der sensible und vertrauenswürdige Umgang mit personenbezogenen Daten ist für uns oberste Verpflichtung. Die Speicherung und Verarbeitung der Daten entspricht in Deutschland den hohen Anforderungen des Bundesdatenschutzgesetzes, das zudem durch den „Code of Conduct“ der Deutschen Versicherungswirtschaft ergänzt wird. Beim Generali Vitality Programm wird den Kunden vollständig transparent dargestellt:

  • welche Daten erhoben werden
  • wie erhoben wird
  • was nur der Kunde sehen kann
  • welche Informationen wir als Versicherer erhalten
  • was wir mit den Daten machen

Grundsätzlich ist bei ALLEN Datenerfassungen eine Check-Box für das Akzeptieren der Datenrichtlinien vorgesehen, d. h. ohne Zustimmung werden keine Daten übertragen.

Wir würden uns freuen, wenn wir mit dieser E-Mail einige Missverständnisse ausräumen können.

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