Laudator: padeluunVideo der Laudatio

Der BigBrotherAward 2014 in der Kategorie Verbraucherschutz geht an

Ki Ju Song von der

LG Electronics GmbH

aus Ratingen

für Fernseher, die in unsere Wohnzimmer spähen.

Die Preise, die wir hier vergeben, heißen BigBrotherAwards. Der Name ist dem Roman Neunzehnhundertvierundachtzig von George Orwell entnommen. Dieses Buch beschreibt die Dystopie einer Überwachungsgesellschaft, in der die Partei, manifestiert durch das führende Parteimitglied und deren Spion o’Brien, ihre Mitglieder unter anderem dadurch überwacht, dass in jedem Haushalt ein sogenannter „Teleschirm“ hängt. Ein Flachbildschirm-Fernsehgerät, das einen auch individuell sehen und ansprechen kann:

„Gruppe der Dreißig- bis Vierzigjährigen!“, kläffte eine schrille Frauenstimme. „Gruppe der Dreißig- bis Vierzigjährigen! Bitte, auf die Plätze! Dreißig- bis Vierzigjährige.“ Winston Smith nahm stramme Haltung vor dem Televisor an, auf dessen Schirm bereits das Bild einer ziemlich jungen, mageren, aber muskulösen Frau in einem Kittel und Turnschuhen erschienen war.

„Arme beugt und streckt!“, legte sie los. „Im Takt, bitte! Eins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! Los, Genossen, ein bisschen lebhafter! Eins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier!“[…]

„Smith!“ schrie die giftige Stimme aus dem Televisor. „6079 Smith W.! Ja, Sie meine ich! Tiefer bücken, wenn ich bitten darf! Sie bringen mehr fertig, als was Sie da zeigen. Sie geben sich keine Mühe. Tiefer, bitte! So ist es schon besser, Genosse.“

Die etwas älteren unter uns erinnern sich: Das war reine Science Fiction. Ein Fernsehgerät 1948, als der Roman Neunzehnhundertvierundachtzig geschrieben wurde, konnte aus den elektromagnetisch übermittelten Wellen ein Signal herausfiltern und auf dem Gerät als Bild und Ton darstellen. Ein Rückkanal war technisch unmöglich. Um das zu realisieren, hätte ein Fernsehgerät wie ein Telefon funktionieren müssen. Unsere Vernunft sagte uns auch noch in den Achtzigern, dass das genauso unmöglich war, wie mit einem kleinen dicklichen Glasrechteck per Funk zu von überallher nach überallhin zu telefonieren – ohne Kabel!

Aber längst sind Buchhändlerinnen dabei, das Buch Neunzehnhundertvierzundachzig von der Science-Fiction- in die Sachbuchabteilung „Science-Faction“ umzusortieren. Durchaus zu Recht. Denn der Teleschirm und anderes dort beschriebenes sind Realität geworden.

Schon früh wurde versucht, den Fernseher zu einem „interaktiven Medium“ umzubauen. Die TV-Sender haben vor rund 35 Jahren angefangen, mit dem sogenannten Videotext zusätzlich zu ihrem Fernsehprogramm abrufbare Text-Informationen in „Klötzchengrafik“ zur Verfügung zu stellen. Einen Rückkanal konnten und können sie bis heute nicht anbieten.

Damit hingegen experimentierte die Deutsche Bundespost. 1979 kombinierte sie das Telefon mit dem Fernsehgerät und nannte das Bildschirmtext oder kurz BTX – 1983 wurde das System bundesweit eingeführt.

Bildschirmtext hatte ein einziges Ziel: den Geldbeutel der Zuschauerinnen und Zuschauer. Eine Datenleitung lieferte Inhalte ins Haus – und „interaktiv“ wurde es dadurch, dass Greti und Pleti über einen schneckenlangsamen Rückkanal „bestellen und – via Telefonrechnung – bezahlen“ konnten. Der Zentralrechner dafür stand in Ulm, und wir Hacker nannten ihn „Jojo“. Weil er dauernd abstürzte und immer wieder hochgefahren werden musste.

Wie Videotext bestand auch BTX aus Klötzchengrafik. Der Fernsehbildschirm diente – anders als beim Videotext – lediglich der Darstellung der Inhalte – und die bestanden aus wenigen Informationen mit viel Werbung. Oder eher aus Werbung mit ein paar Inhaltseinsprengseln. Sogar die Vorläufer der „Ruf. Mich. An.“-Dienstleistungen gab’s da schon.

Die Uhr tickt. BTX ist heute längst Geschichte. Das Internet hat sich breit gemacht. Und wurde schnell zum Universal-Unterhaltungsersatz statt des Fernsehgerätes. Denn die Menschen nutzen die herangereiften technischen Möglichkeiten, um dem Programmdiktat zu entfliehen. Am Computer gucken sie nun jederzeit, wann sie wollen, die neusten amerikanischen Serien von HBO, gucken kleine schmutzige Filmchen auf Youporn, weniger schmutzige Filmchen auf Youtube, klicken sich durch Wikipedia, spielen online grafisch opulente Ballerspiele und lesen die neusten Detailhäppchen zum aktuellen Überwachungsskandal auf Spiegel Online und tiefer gehendes zur Alltagsüberwachung auf bigbrotherawards.de

Um die Zuschauenden wieder vom Computer weg vor den Fernseher zu bringen, wurde das Fernsehgerät runderneuert und „smart“ gemacht. Flach ist es jetzt und groß und man kann viel bequemer als am heimischen Computertisch Fernsehen, DVDs, Filme von der Festplatte und Internet vom Sofa aus gucken.

Diese ‚smarten‘ Teleschirme sind keine Fernsehgeräte mehr, sondern flache Computer mit Bildschirm. Und sie haben einen Internetanschluss.

Und so fiel es einem Blogger aus England auf, dass sein Fernsehgerät Daten ins Netz sendet. Es war ein Gerät der Fima LG, das brav an seinen Hersteller in Korea Informationen darüber sendete, was das Gerät so anzeigt. Welcher Sender gerade eingeschaltet ist, welche DVD eingelegt ist, oder welche Filme oder Musikstücke auf einer angeschlossenen Festplatte oder einem USB-Stick so gespeichert sind.

Dieser Blogger suchte im Einstellungsmenue, ob er das deaktivieren konnte. Er fand tatsächlich einen Schalter, er klickte ihn an – und nichts änderte sich. Das Gerät sendete diese Informationen einfach weiter. Auf diese ‚geniale‘ Art und Weise lassen sich nun die Nachteile des Fernsehens mit den Nachteilen des Internets verbinden. So werden wir ausspioniert, bis in unseren entspanntesten Lebensbereich hinein. Dafür hat die Firma LG den BigBrotherAward redlich verdient.

Ein Forscherteam der technischen Universität Darmstadt hat sich mit dem dahinter liegenden Standard – der heißt HbbTV – in einer Studie beschäftigt und zeigte sich „überrascht, wie viele Daten dort wie häufig ausgesendet wurden“, erklärte ein Mitglied des Forscherteams. Adressaten der Daten seien unter anderem die Server großer Werbetreibender wie Google Analytics, Chartbeat und Webtrekk gewesen. Bei den Untersuchungen der Forscher wurden Daten zum TV-Verhalten auch bei Fernsehern übertragen, bei denen der Zuschauer gar keine smarten Inhalte abgerufen hatte. „Fernsehen mit Internetanschluss reichte aus, um den Datenverkehr loszutreten.“

HbbTV soll uns das Fernsehen einfacher machen. Mittels des roten Knopfes auf der Fernbedienung lässt sich nun eine Mediathek aufrufen, damit „der Zuschauer“ sich in einer „immer komplexer werdenden Fernsehwelt“ zurecht findet, so der Werbetext. Gratis dazu gibt’s personalisierte Werbung und den Abruf aller notwendigen Informationen, damit die Zuschauenden gut zu manipulieren sind.

Vor dieser Manipulation müssen wir uns schützen. Je mehr wir verleugnen, dass wir manipulierbar sind, desto manipulationsanfälliger sind wir. Wer viel über uns weiß – und sei dieses Wissen auch scheinbar ganz unbedeutend – hat viel Macht über uns.

Die Süddeutsche Zeitung berichtete im März unter der schönen Überschrift „Die Lüge von den Metadaten“ von einem Experiment von Forschern der Universität Stanford. Hier war das Instrument der Überwachung ein Smartphone – Überwachung des smarten Fernsehgeräts würde meines Erachtens vergleichbare Ergebnisse bringen:

Auf den Smartphones von 500 Probanden wurde eine App installiert, die fünf Monate lang alle Metadaten an die Forscher versandten.

Das Ergebnis war erschreckend:

„[…] nach einer genaueren Durchsicht der Verbindungen stießen die Forscher dann auf allerhand menschliche Verfehlungen. Nur anhand der Metadaten konnten sie auf Geschlechtskrankheiten, außereheliche Affären, Waffenbesitz, Drogenhandel schließen. In ihren Datenbeständen offenbarten sich in harten Fakten die schlimmsten Befürchtungen der Bürgerrechtler.

In manchen Fällen schienen die offenbarten Verbindungen und die dahinterliegenden menschlichen Schicksale derart intim zu sein, dass das Forscherteam ihnen nicht weiter nachgehen wollte und davon absah, die Teilnehmer für eine Bestätigung ihrer Vermutungen zu kontaktieren.“

Der Inhalt mag das sein, was wir sagen. Metadaten und Daten darüber, was wir anschauen oder auf unseren Festplatten gespeichert haben, beurkunden, was wir wirklich denken und was wir tun.

Der Fernseher mutiert – auch wenn wir den Entwicklern von HbbTV nur die besten Absichten unterstellen – zum Überwachungsinstrument. Morgen werden alle Fernseher – wie heute schon Laptops – Kameras und Mikrofone enthalten. Es gib Zusatzgeräte, wie die sogenannte Kinect der Firma Microsoft, die schon heute erkennen können, wie viele Menschen vor dem Teleschirm (denn auch ein Spielecomputer wie die XBox ist nichts anderes) sitzen und welche Mimik ihre Gesichter gerade ausdrücken, welche Bewegungen sie machen. Das Mikrofon ist ständig eingeschaltet, damit das Gerät auf Zuruf starten kann.

Anders als die Entwickler des HbbTV-Standards hat Microsoft sich über den Schutz der Privatsphäre wenigstens ein bisschen Gedanken gemacht. Man kann dem Gerät „schalte Dich ab“ zurufen – und dann schaltet es sich auch tatsächlich ab und kann nicht mehr mit der Stimme, sondern nur noch manuell wieder eingeschaltet werden.

Da hat ja vielleicht auch der BigBrotherAward im Jahr 2003 geholfen, den sich Microsoft – anders als die meisten anderen Firmen – in Bielefeld abgeholt hat und versprochen hat, sich mehr um den Schutz der Privatsphäre und Datenschutz zu bemühen.

Gruselig ist die Vision, dass uns unsere Geräte die ganze Zeit beobachten und unser Tun und Lassen wann immer sie es für richtig finden, weiter melden, allemal.

Was haben wir nun als Fazit für die Zukunft? Fernseher werden größer, smarter. Sie sehen, hören, erkennen die Anzahl von Menschen im Raum und in welcher Stimmung diese sind. Sie können uns individuell ansprechen – falls wir also beim Turnen nicht bis zu den Zehen kommen, können sie uns bald vielleicht schon angiften, dass wir uns mehr anstrengen sollen. Und sie sind ans Netz angeschlossen und posaunen alles hinaus, was sie über uns und unsere Familienmitglieder, Freunde und Bekannte erfahren. Wenn Sie einen „smarten Fernseher“ zum Beispiel von den Firmen LG oder Samsung zu Hause haben (meist ist das Wort „Smart“ in die Typenbezeichnung integriert – sonst drücken Sie doch einfach mal den roten Knopf auf Ihrer Fernbedienung und schauen, was dann passiert) – wenn Sie also so einen smarten Fernseher zu Hause ans Netz angeschlossen haben, dann gehen Sie getrost davon aus, dass die Herstellerfirmen wissen, ob Sie Germanys Next Top Model oder Fußball gucken, ob Sie regelmäßig die politische Satire der Heute Show oder Extra3 schauen oder Musikantenstadel im MDR, ob Sie alleine schauen oder zusammen mit anderen.

Das ist die schöne neue Welt des Teleschirms von Neunzehnhundertvierundachzig. Orwell hat sich nur um 30 Jahre verschätzt.

Und es ist nicht der große Bruder, der uns dies aufzwingt. Es sind dumme Entwickler von Standards, die nicht an „Privacy by Design“ denken und gewissenlose Geschäftemacher, die diese Standards in Firmware hineinbauen, ohne darüber nachzudenken zu wollen – oder die wirklich böse Auswertungen damit vorhaben – wir wissen es nicht.

Diese Laudatio beschreibt die Dystopie einer Überwachungsgesellschaft, in der Unternehmen, manifestiert durch unsere Preisträgerin LG als Erfüllungsgehilfen, ihre Kundinnen und Kunden unter anderem dadurch überwachen, dass in jedem Haushalt oder gar jedem Zimmer ein sogenannter „Teleschirm“ hängt.

Ihr habt’s gleich ausgenutzt. Herzlichen Glückwunsch, Ki Ju Song von der LG Electronics GmbH, zum BigBrotherAward im Bereich Verbraucherschutz.

 

Bild: Gesponsort von Panthermedia

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